Wagenburg Wien

Wagenburg Wien  |  Mittlerweile nicht mehr die bisher einzige Wagenburg Österreichs

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Von wegen neuer Platz!

Juni 16th, 2009 · 53 Comments

Wien 10 Juni 09

Der Wiener Wagenplatz

Seit fast zwei Jahren sind wir nun in Verhandlungen mit der Stadt Wien um ein geeignetes Grundstück zur Verwirklichung unserer Vorstellungen vom alternativen Wohnen zu finden. Von Seiten der Stadt wurden uns 3 ExpertInnen (Frau Kleedorfer von der MA 18 Mehrfachnutzung, Herr Orner von der Geschäftsgruppe Wohnen und Herr Florianschütz als Mediator) zur Seite gestellt. Anfang Mai war endlich ein geeignetes Grundstück gefunden und die Konditionen weitestgehend festgelegt. Uns wurde ein Prekariatsvertrag angeboten, der bedeutet hätte dass wir außer der Grundsteuer in Höhe von 500 Euro jährlich keinen Mietzins hätten zahlen müssen. Dafür sollten wir das Grundstück selbst erschließen und wären theoretisch jederzeit kündbar. Wir willigten ein. Bis zum endgültigen Vertragsabschluß und Erledigung einiger kleiner Formalitäten - wurde uns gesagt - seien es nur noch wenige Wochen. Also wurde unser bestehender Mietvertrag gekündigt und wir bereiteten alles für die bevorstehende Übersiedlung vor.

Zu früh gefreut: Nach einem zu erwartendem Aufschrei der FPÖ Wien, welche mit einer für sie üblichen Hetz-Kampagne gegen uns wetterte, hieß es die Stadt würde wieder Geld zum Fenster rausschmeißen um uns Asozialen ein Grundstück zu schenken. Um dieses Argument zu entlasten fragte uns die Stadt, ob für uns auch ein richtiger Mietvertrag in Frage käme. Ein Angebot der Stadt folgte umgehend. Dieses bezifferte den jährlichen Mietzins auf 22.000 Euro. So war’s nicht vereinbart. In Antwort erklärten wir warum ein Mietzins in dieser Höhe für uns nicht in Frage käme. Am nächsten Tag erfuhren wir aus dem Radio wir hätten das „überaus großzügige“ Angebot der Stadt leider abgelehnt.

Die Stadt zieht sich aus der Verantwortung, SPÖ trickst um FPÖ Interessen durchzusetzen.

Das Verhandlungsteam der Stadt wurde wieder zurückgezogen. Da wir das Angebot abgelehnt haben sieht die Stadt keine weitere Zuständigkeit bei sich und lässt uns im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strasse stehen.

Für das Grundstück auf dem wir zurzeit noch stehen läuft in Kürze der Mietvertrag aus. Abgesehen davon dürfen wir hier sowieso nicht bleiben da dieser Grund keine Widmung als Bauplatz aufweist, unsere Fahrzeuge aber als Bauwerke gelten. Der Antrag unsere Lebensform als Zeltplatz zu deklarieren wurde abgelehnt da „es sich nicht um einen Zeltplatz im klassischen Stile handelt“.

Was uns wirklich stört:

Seit eineinhalb Jahren waren wir nun in Verhandlungen mit der Stadt und die für uns zuständigen Personen hatten die Gelegenheit sich in unsere Problemlage hineinzuversetzen. Verschiedenste Grundstücke wurden von uns vorgeschlagen, die meisten kamen aber wegen bürokratischer Schwierigkeiten nicht in Frage. Unsere sehr geringen Ansprüche sind unseren GesprächspartnerInnen klar geworden und zielorientiert wurde eine Lösung erarbeitet.

Jetzt, nach dem Aufschrei der FPÖ, wurde das, was vorher rein organisatorische Herausforderung war politisiert und die Problemlösung an andere mit der Sachlage gar nicht vertraute EntscheidungsträgerInnen abgegeben.

Uns nach fast zwei Jahren Ungewissheit, Behördenrepressionen, Gutachtenerstellung, Gerichtsverfahren und regelmassigen Gesprächen mit dem Verhandlungsteam der Stadt ein Grundstück dieser Art für einen jährlichen Mietzins von 22.000 Euro anzubieten, zeigt sehr deutlich wie realitätsfremd und zur pragmatischen Problemlösung unfähig die EntscheidungsträgerInnen der SPÖ zur Zeit sind. Aber dieses Angebot sollte anscheinend auch gar nicht unsere Probleme lösen, ging es doch nur darum die Forderungen der FPÖ durchzusetzen und dabei den Schein zu wahren wir hätten uns selbst gegen das Grundstück entschieden.

Das ursprüngliche Angebot von 500 Euro Grundsteuer und der knapp zwei Wochen später vorgeschlagene Mietzins von 22.000 Euro entspricht einer Steigerung um 4300%. Selbstverständlich lehnten wir ab, denn noch lange sind wir kein „Waachen-Platz“. Unsere Ablehnung schien der Stadt sehr recht zu kommen, vielleicht war sie sogar einkalkuliert. Der verantwortliche Bezirksvorsteher konnte nun die FPÖ-Funktionäre unverbindlich mit den Worten: “Regt´s euch nicht auf, die kommen eh nicht, haben ja abgelehnt“ beruhigen.

Parteipolitisches Problem gelöst. Wir stehen wieder am Start, ziehen keine 2.000 Euro ein, im Gegenteil: Unser Mietvertrag in Simmering ist gekündigt, jederzeit kann die Baupolizei uns mit Strafen im 5-stelligen Bereich drohen und unserem Verhandlungsteam wurd die weitere Verantwortlichkeit abgenommen. Für die Politik soll das Problem damit erstmal wieder in Vergessenheit geraten. Bald ist Sommerpause und kurz darauf auch schon wieder Weihnachten…

Für uns sieht die Lage anders aus: Die Tatsache nicht zu wissen wo wir nächsten Monat stehen werden, stellt eine Belastung dar welche sich in allen Bereichen des Lebens manifestiert. Der nächste Winter rückt näher, doch anstatt uns auf diesen wirklich vorbereiten zu können müssen wir wieder überhaupt darum kämpfen dass irgendjemand von der Stadt bereit ist mit uns zu reden und eine Lösung zu finden. Einige von uns studieren und Prüfungen stehen Ende Juni vor der Tür. Anstatt dass wir uns auf diese konzentrieren können, heißt es darum zu betteln in naher Zukunft nicht von irgendwelchen Behörden „besucht“ zu werden. Immer wieder heißt es den Stress abzuschalten um die alltäglichen Herausforderungen anzugehen. Jene welche eine solche Distanzierungsfähigkeit nicht haben leben teilweise schon im Exil bei irgendwelchen FreundInnen oder Verwanden.

Private Personen lehnen eine Vermietung ihrer Grundstücke an Menschen die in Wägen wohnen grundsätzlich eher ab. Ob dieses aus Vorurteilen gegen Menschen welche in Wagen wohnen oder aus Angst und wie sich zeigt berechtigten Bedenken mit den Behörden Schwierigkeiten zu bekommen geschieht, sei mal dahingestellt.

Was wir wollten war irgendwo im Freien leben, den Ausgleich in einer zunehmend vom Leistungsdruck dominierten Gesellschaft finden indem wir uns Wind, Wetter und den Jahreszeiten aussetzen. Was wir seit fast drei Jahren bekommen haben ist, neben den Herausforderungen der Natur, ständige Diskussionen und Rechtfertigungen vor Behörden und deren VertreterInnen und eine permanente Ungewissheit ob der nächste Bescheid unserer Lebensweise ein Ende bereitet. Wo bleibt da noch Luft sich mit den eigentlichen Verantwortungen auseinanderzusetzen?

Wir fordern:

Wir fordern eine sofortige Wiederaufnahme der Gespräche und ernsthafte Bemühungen dem Wiener Wagenplatz endlich seine legale Existenzberechtigung zukommen zu lassen.

Nachdem das dem für uns bisher zuständigen Verhandlungsteam der Stadt Wien von höheren EntscheidungsträgerInnen alle Kompetenz- und Entscheidungsbefugnisse entzogen wurde fordern wir eben diese auf mit uns Kontakt aufzunehmen um eine alle zufriedenstellende Lösung zu erarbeiten.

Die Taktik mit welcher die SPÖ versucht unser vor drei Jahren in Leben gerufenes Projekt zu vernichten ist alles andere als bürgernah, offen und ehrlich. Wir empfinden es als falsch, hinterhältig und asozial.

Diese Methoden können wir nicht akzeptieren denn stehen sie im Gegensatz zu aktuell geförderten Sozialreformen. Wir sehen uns als aktive, unseren Lebensraum selbstgestaltende Menschen welche auf Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit mehr Wert legen als in jeglichen Bestimmungen und Stadtplanungen vorgesehen ist.

Unsere ursprüngliche Forderung ist übrigens ziemlich anspruchslos. Wir suchen ein Grundstück in oder um Wien, welches zwischen 3000 und 5000 Quadratmeter groß ist. Im Idealfall ist es soweit erschlossen dass die gängigen Anschlüsse vorhanden sind. Dies ist aber alles andere als ein muss Kriterium, viel wichtiger ist dass wir die Gewissheit haben dort auch wirklich ein paar Jahre ungestört bleiben zu dürfen. Da unsere Gruppe aus vielen, motivierten und handwerklich geschickten Menschen besteht haben wir keine Probleme uns die Infrastruktur selber aufzubauen bzw. instand zu setzten.

Was wir machen:

Der Wagenplatz ist ein offenes, selbstorganisiertes und buntes Projekt und möchte dies auch bleiben:

Immer wieder gibt es verbessernde Ideen für den eigenen Wagen oder für die Infrastruktur des Platzes, die wir gemeinsam umsetzen; ein permanentes Schaffen, ein bewusstes Leben unter freiem Himmel. Hier erproben wir umweltbewusstes Leben und einen nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen. Der Wagenplatz ist ein Raum zum Wohnen für Menschen außerhalb von vorgefertigten Wohneinheiten und Konsumzwang, in dem wir selbstbestimmt unser Miteinander und Füreinander leben. Wir organisieren gemeinsam unseren Alltag und lösen unsere alltäglichen Probleme. Unser Leben in nicht hierarchischen, gemeinschaftlichen Verhältnissen zu gestalten und sozialer Rückhalt zu gewähren ist uns wichtig; genauso wie der offene Umgang und generationsübergreifendes

Zusammensein. Wir bieten Raum für kulturelle, nicht kommerzielle Veranstaltungen und sind ein Ort der Begegnung.

Tags: Allgemeines

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