Wagenburg Wien

Wagenburg Wien  |  Mittlerweile nicht mehr die bisher einzige Wagenburg Österreichs

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Stellungnahme Juni 09

Juni 16th, 2009 · 42 Comments

 

 

Wie „anders“ ist Wien wirklich?

Über ein Projekt das nicht zur Ruhe kommen darf.

Eine ernüchternde Stellungnahme zur Situation des Wagenplatz Wien im Juni 2009.

Keine Angst, hier entsteht ein neuer Wagenplatz.

 

Gemeinschaftliches Wagenleben ist ein offenes, buntes und selbstorganisiertes Projekt. Es bietet Platz für familienähnliches, umweltbewusstes und solidarisches Zusammenleben und -wirken. Neben dieser leistbaren Wohnform ist es aber auch ein Ort der Begegnung für Alt und Jung, für AnrainerInnen und Reisende, an dem soziale, künstlerische und kulturelle Entfaltung ganz unkommerziell möglich ist.

Eine Alternative zu Vereinsamung in Betonschluchten. Friede den Wagen!

3 Jahre Wagenplatz in Wien – eine kurze Historie.

 

Im Jahr 2006 entstand auf einem privatgemieteten Grundstück der erste Wagenplatz in Wien. Nachdem das Grundstück im Frühling 2007 zum Verkauf ausgeschrieben wurde, musste der Wagenplatz weichen. Das Grundstück steht heute noch leer.

Da kein Ersatzobjekt gefunden wurde, beschlossen wir WagenbewohnerInnen in der Zwischenzeit auf ein Grundstück in Stadtbesitz auszuweichen. Um Konfrontationen zu vermeiden, entschieden wir uns für ein möglichst wertloses Grundstück, am Rande der Stadt, umgeben von Industrie und Kläranlage. Im Juni 2007 drohte die Stadt mit Räumung. Das Grundstück wäre nämlich der Lagerung von Schnee vorbehalten, und überhaupt sollten wir uns doch eine private Lösung suchen.

Nach drei Monaten im Exil, im Sommer 2007, fanden wir ein neues Privatgrundstück. Ein Mietvertrag wurde abgeschlossen, und das neue Grundstück wurde bezogen.

Leider währte das Glück nur kurz, denn die Bürokratie schläft nicht.

Im Herbst 2007 stellte die Baupolizei fest, dass Wagen sich in der Wiener Bauordnung zu Bauwerken verwandeln können (?!). Ein vernichtendes Urteil, denn zum einen war unser gemietetes Grundstück kein Bauland, und zum anderen hatte - wenig überraschend - keines unserer Fahrzeuge eine Baubewilligung.

Der Räumungsbescheid folgte und ein langwieriger Rechtsstreit mit Strafandrohungen bis zu 40.000.- pro Person begann.

Die logischen Folgen dieses Urteils waren klar: Wir verlieren wieder unseren Platz, und wir werden keine Möglichkeit mehr haben privat ein Grundstück zu finden. Baugründe in Wien sind für Normalsterbliche ja nicht gerade erschwinglich, abgesehen davon ergibt eine Rechtssprechung, in der sich Fahrzeuge in Häuser verwandeln, keinen Sinn.

Das leuchtet auch PolitikerInnen ein. Mit dem Ziel eine Lösung zu finden, starteten im April 2008 Verhandlungen zwischen VertreterInnen der Stadt und WagenplatzbewohnerInnen. Die Rahmenbedingungen waren klar: Die Stadt Wien bekennt sich zur Unterstützung des Projekts „Wagenplatz Wien“ und hilft bei der Grundstückssuche.

Nach einem Jahr Verhandlung schien sich eine Lösung abzuzeichnen. Ein Grundstück in Stadtbesitz wurde uns angeboten. Angestrebt wurde ein befristeter Vertrag auf Grundsteuerbasis. Obwohl der angebotene Platz um ein Viertel kleiner als unser bisheriger wäre, und über keinerlei Infrastruktur wie Strom, Wasser und Kanal verfügt, willigten wir ein.

Im Mai 2009 kündigten wir unseren bisherigen Mietvertrag (Frist: Ende August 09) und fingen an uns auf den Umzug vorzubereiten - doch wieder kam alles anders.

 

 

 

Die Hetz-Partei, der Umfaller und die ungewisse Zukunft.

 

Die FPÖ, die Partei die sich gegen alle „Perversionen“ - ausgenommen der Ewiggestrigen - verschrieben hat, witterte Raum für eine Hetzkampagne. Eine Homepage mit dem Titel „Wagenplatzstopp“ wurde eingerichtet, der Wagenplatz mit Behauptungen von „Müll, Lärm und Gestank“ diffamiert. „Die Aussteiger sollen doch nach Sibirien oder in die Mongolei ziehen.“

Uns, den vermeintlichen AussteigerInnen mit Lebensmittelpunkt Wien, kostete das ein müdes Lächeln, aber der SPÖ, der Partei die für ihre Standfestigkeit und Linientreue bekannt ist, wurde Angst und Bange. Allen voran Michael Ludwig, Vizebürgermeister und Stadtrat für Wohnen. Er ist zuständig und gibt die Weisungen an unsere AnsprechpartnerInnen.

Plötzlich hatte sich das Angebot „leicht“ verändert: 22.000.- Jahresmiete. Das doppelte unserer bisherigen Miete, für ein Stück Wiese, das um ein Viertel kleiner ist als unser bisheriges Grundstück, ohne Infrastruktur in einem Außenbezirk von Wien. Circa 15.000.- müssten wir noch für Strom-, Wasser- und Kanalanschlüsse ausgeben, ohne überhaupt zu wissen, auf welche Dauer der Vertrag begrenzt wäre. Laut ExpertInnenmeinung liegt das sogar über dem Marktwert!

Das entsprach keineswegs unseren Vereinbarungen.

„Schilling oder Euro“ lautete unsere logische Antwort.

Drei Tage später konnten wir auf „Radio Wien“ hören, wir hätten das Angebot der Stadt abgelehnt, eine Woche später feierte die FPÖ ihren Erfolg, den Umzug des Wagenplatzes verhindert zu haben.

 

Wer kann es ihnen auch verübeln - sind sie doch die Einzigen die in dieser Situation profitieren:

 

 In Simmering, wo wir bis Ende August noch verweilen, hat die Bevölkerung in einer Umfrage des „Bezirksblattes“ zur Frage „Sind Sie froh über den Abzug des Projekts Wagenplatz“ mit 24% Ja und 76% Nein gestimmt.

 In der Donaustadt, der eventuelle Standort des neuen Wagenplatzes, begrüßt der Bezirksvorsteher schon seit Monaten die Bestrebungen einen Platz für uns in seinem Bezirk zu finden.

 

 Die SPÖ profitiert ganz sicher nicht in der Rolle der Umfaller und Wortbrecher.

 

 Der Wagenplatz Wien steht bald buchstäblich auf der Straße. Wir müssen wieder einmal neben Job, Familie und was wir sonst so machen für Grundrechte kämpfen. Auf uns wartet kein Sommer am Strand, sondern nächtelange Diskussionen, mühsame Medienarbeit, politischer Aktionismus und eine prekäre, illegalisierte Wohnsituation. Wenn wir abends nach Hause kommen, werden wir nicht wissen, ob unser Zuhause noch da ist. Die Türen werden wieder verschlossen sein, um Nazis, DiebInnen und übermotivierte BeamtInnen abzuwehren und die Kinder müssen bei Verwandten unterkommen. Neben der Lebensenergie kosten uns unsere Bemühungen natürlich auch Geld, denn im Gegenteil zu den Parteien, finanzieren wir unsere Kampagnen ja selbst.

 

 

Das hätten wir uns nach 3 Jahren Wagenplatz und über einem Jahr Verhandlungen mit der Stadt nicht erwartet. Ist das die Zermürbungstaktik der Stadt Wien?

Bei uns bewirkt es gerade das Gegenteil:

Die Auseinandersetzung endet mit mindestens einem gesicherten Wagenplatz!

 

 

Unsere Forderungen: Leben, Wohnen, WagenDas Leben in einer Wohnung heißt wohnen.
Heißt dann das Leben in einem Wagen wagen?
und heißt es deshalb: Wer wagt - gewinnt?

 

 

Allgemein fordern wir die Legalisierung von Wagenleben.

Dafür gibt es verschiedene Modelle, die Freigabe von Brachflächen in Zwischennutzung, eine Sonderwidmung „Alternative Wohnform“, permanente, freizugängliche Plätze, eine Besetzungsregelung gegen Immobilienspekulationen oder eine Ausnahme für Wohnfahrzeuge in der Straßenverkehrsordnung. Diese oder ähnliche Modelle gibt es auch in anderen EU-Ländern.

Nebenbei fordern wir natürlich - im Einklang mit den CamperInnen - die Aufhebung der GoBox-Pflicht für Wohnfahrzeuge über 3,5 Tonnen.

 

Konkret für uns fordern wir nutzbare Fläche die in Größe, Infrastruktur, Anbindung und Konditionen zumindest unserem bisherigen Mietgrundstück entspricht und längerfristig abgesichert ist.

Und das innerhalb der nächsten 3 Monate.

 

 

 

Tags: Allgemeines

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