Wagenburg Wien

Wagenburg Wien  |  Mittlerweile nicht mehr die bisher einzige Wagenburg Österreichs

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Bericht im ”Augustin”

November 20th, 2007 · 58 Comments

Der Wagenplatz Wien Simmering feierte vor kurzem sein einjähriges Bestehen

Draussen sein und doch Zuhause

Das Wagenplatz-Fest im vergangenen Oktober war gut besucht. Inzwischen ist wieder der Alltag eingekehrt. Etwa 20 Menschen und eine Handvoll Hunde leben derzeit auf Österreichs (noch?) einzigem Wagenplatz inmitten der Simmeringer Gärtnereien.

Die Anzahl der BewohnerInnen ändert sich ständig, erzählt Jakob, während er vor seinem Wagen das Holz hackt, das er am Abend verheizen wird. “Jetzt im Herbst haben wir einigen Zuwachs bekommen, außerdem stellen Reisende häufig ihren Wagen für ein zwei Tage bei uns ab.” Nach einigen Monaten auf zwei besetzten Plätzen haben die Leute vom Wagenplatz vor etwa einem halben Jahr die Wiese in Simmering offiziell gepachtet. Natürlich haben unmittelbar nach Bezug die Behörden vorbeigeschaut. “Die Baupolizei war ziemlich rasch da aber haben nichts gefunden. Und die Polizei, die die Nachbarn gerufen haben war auch eher kooperativ. Die grösste Kritik kam erstaunlicherweise vom Umweltamt.” erinnert sich Jakob. Immernoch gilt das Relikt aus der NS-Zeit: Leben im Wagen ist prinzipiell illegal. Fahrende werden nach wie vor stigmatisiert und sind nicht gern gesehen. Auf den bisherigen Standorten gab es immer wieder Diebstähle und andere Unannehmlichkeiten. In Simmering werden die Wagenplatzleute in Ruhe gelassen. Die Zeit in Simmering wird als Phase der Erholung, Stärkung und des Wachstums gesehen. Mittelfristig wollen die Leute vom Wagenplatz wieder mehr ins Zentrum der Stadt, um dort mehr Aufmerksamkeit und Akzeptanz zu gewinnen. Jakob erzählt von leerstehenden Grundstücken im Besitz der Stadt Wien und seiner Forderung als Wagenbewohner diese Plätze nutzen zu dürfen: “Es geht nicht um die Mietersparnis, sondern ums Prinzip: Mehr Menschen sollen die Möglichkeit bekommen in Wägen und überhaupt alternativ leben zu können!”. Die Motivation, im Wagen zu leben, ist sehr unterschiedlich. Eines ist aber klar: Man wohnt nicht aus Armut im Wagen. Eher aus der Lust zu reisen und an der Nähe zur Natur. Heike beispielsweise hat früher im Sozialbereich gearbeitet, sich aber dort im Laufe der Zeit immer weniger wohl gefühlt. Jetzt will sie mit Ihrem Freund im ausgebauten LKW eine Weltreise beginnen. Die Zeit dafür haben die beiden nicht zu knapp bemessen: Fünf Jahre wollen sie schon unterwegs sein.

Jakob wieder ist durch seine beiden Kinder, die am Wochenende bei ihm leben, stark an Wien gebunden. Für ihn ist das Wagenleben aus anderen Gründen weit komfortabler als jede Wohnung: “Hier bist du automatisch viel draussen und kriegst was mit von der Welt, auch den Regen und die Kälte. Und es gibt vielfältige produktive Arbeit zu tun. Es ist viel schöner, im Warmen zu sitzen, wenn man vorher das Holz gehackt hat! Einfach nur reinkonsumieren find ich blöd.”. Spricht’s und zerteilt mit Schwung das nächste Obststeigerl.

Aus Deutschland mit Wagenerfahrung nach Wien gekommen

Weil seine Eltern einen Teil des Jahres in Wien leben und weil er hier studieren wollte, ist Martin aus Deutschland nach Wien gekommen. Er hat jahrelange Wagenerfahrung. Zwischendurch hat er auch in Wohnungen gelebt, sich aber dort nicht so gut gefühlt. Wie Jakob ist es auch ihm wichtig, viel draussen zu sein und mobil zu bleiben. “Es ist eine geile Mischung: Du bist draussen und doch Zuhause!”. Maria ist nach der Schulausbildung vom Wiener Umland in die Hauptstadt übersiedelt. Auch sie hat das Leben in einer innerstädtischen Wohnung nicht ausgehalten. Im Wagen fühlt sie sich frei und gesund: “Das Leben in der Natur und im Freien tut mir gut. Seit ich hier wohne, war ich nicht mehr krank.” Anders war es bei Nicole: Sie hat bis vor kurzem eher ein Schicki-micki-leben geführt. Aber dann habe ich kurzfristig meinen Platz zum Wohnen verloren und in der Folge das Leben im Wagen ausprobiert. Mittlerweile würde ich nicht mehr hier weg wollen: “Der soziale Zusammenhalt ist wesentliche Wohlfühl-Komponente für die meisten: “Alleine möchte ich nicht im Wagen wohnen wollen”, meint Jakob, “das immer Leute da sind ist schon gut: “Obwohl einige der Wägen mit Küche und Nasszelle ausgestattet sind, wird häufig gemeinsamm Essen besorgt und zubereitet. Der komplett ausgestattete Küchenwagen ist gut frequentiert. Dennoch ist die Teilnahme am sozialen Leben nicht verplichtend. “Klaus zum Beispiel lebt sehr zurückgezogen und nimmt nicht am Gemeinschaftsleben teil. Aber bei den notwendigen Arbeiten hilft er mit, obwohl auch dazu keine Verpflichtung besteht.”

Überhaupt gibt es kaum etwas, was auf einem Wagenplatz nicht geht. “Wir haben keine eigenen Gesetze.” so Martin “das hält die Toleranz aufrecht. Sexistisches Verhalten oder Gewalt darf es aber nicht geben … vielleicht herrscht hier ein etwas rauherer Umgangston, aber auch das mit dem Einverständnis Aller.”

Die Infrastruktur besticht durch Einfachheit, aber alles Notwendige ist vorhanden. Der Platz ist an das Stromnetz angeschlossen, die Dusche und die Waschmaschine werden mittels Pumpe aus einem Brunnen gespeist, die Toilette funktioniert mit Abwassertank und im Küchenwagen kann man sich aussuchen, ob man lieber auf dem Gasherd oder dem Holzherd kocht. Die Lebensmittel werden vor allem im Winter durch Geobben und Containern (siehe Infokasten) beschafft.

Der öffentliche Montag

Nach einer Phase intensiver Medienberichterstattung ist der Hype nun vorbei. Obwohl die Reaktionen insgesamt positiv waren, ist die Haltung der Wagenplatz-Leute zur Öffentlichkeitsarbeit geteilt. Während einige BewohnerInnen die Besuche von Medienvertretern begrüssen, ist anderen daran gelegen, ihre Privatsphäre zu wahren. Vereinnahmen lassen sie sich sowieso nicht: “An einem der ersten Tage hier ist ein BZÖ Typ aufgetaucht. Was er wollte war nicht wirklich ersichtlich. Im Endeffekt haben wir ihn rausgeschmissen.” Wer sehen möchte, wie es sich auf dem Wiener Wagenplatz leben lässt, dem sei empfohlen, nicht ohne Voranmeldung auf dem Gelände herumzustapfen, sondern seine Neugier auf den Montag abend zu beschränken. Dann ist der Wagenplatz Simmering für BesucherInnen zugänglich. Das Besuchercafe öffnet ab 20 Uhr und ist, Wetter abhängig, gut besucht. Vereinzelt gibt es bereits Stammgäste. In Europa ist die Wagenplatzszene bunt und vielfältig - alleine in Berlin haben sich beispielswweise fünf Wagenburgen etabliert, einzig Österreich gähnt derzeit noch als weisser Fleck auf der Landkarte. Allerdings haben sich jüngst InteressentInnen aus Salzburg und Innsbruck den Wiener Standort angesehen. Es bleibt zu hoffen, das neue Plätze entstehen. Mittlerweile hat Jakob einen ansehnlichen Stapel Holzscheite beisammen. Bevor er es sich in seinem Wagen gemütlich macht, schaut er noch kurz im Küchenwagen vorbei. Es gibt Tee und nette Menschen zum Tratschen. “Eigentlich hat man in einem Wagen mehr Luxus als in einer Wohnung”, ist er sich sicher, “das müsste eigentlich vielen gefallen.” Warum trotzdem so wenige im Wagen leben? “Ich weiss es auch nicht. Wahrscheinlich fängt man an, irgendwann einen Weg einzuschlagen und reitet sich dann fest und ist dann gar nicht mehr offen genug für Neues.”

Christa Neubauer

kopiert aus: http://my-home-is-my-car.de.tl/Augustin.htm

Tags: Allgemeines · Medienberichte

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